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Platz 4 des Putlitzer Preises
2009 Helmut Schmid: Zollkontrolle
„Ist
der Hund geimpft?“ fragt mich der Zollbeamte an
der Grenze. Ich weiß nicht mal, wie der Hund
heißt, der mir seit vierzehn Tagen nachläuft,
geschweige, ob er geimpft ist.
„Ohne
Impfpass können Sie den Hund nicht mit über die
Grenze nehmen.“ Und ohne dass ich danach gefragt
hätte, betet der Zöllner eine Litanei von
Verordnungen herunter bezüglich
grenzüberschreitender Mitnahme von Tieren
inklusive Verordnungen zum Artenschutz.
„Ich
bin geimpft, und wie“, sagt der Hund auf einmal.
„Mein ganzer Hintern ist noch blau von den
Einstichen. Wollen Sie mal sehen?“ und er hält
dem Zollbeamten das Hinterteil hin.
„Hunde
können nicht sprechen“, sagt der lapidar. „Ich
tue jetzt mal so, als hätte ich nichts gehört,
sonst wird die Sache kompliziert. Für die
Ausfuhr von sprechenden Hunden gelten nämlich
gesonderte Regelungen.“
Es ist
ziemlich heiß an der Grenzstation, Mittagszeit,
ich habe Hunger und muss tanken. Warum sie immer
wieder mich rauswinken, ist mir ein Rätsel, das
ich schon seit Jahren vergeblich zu
entschlüsseln versuche. „Das ist gar kein Hund“,
werfe ich in die Debatte.
„Ach
nein?“ Der Zollbeamte grinst mich hämisch an.
„Wollen Sie vielleicht behaupten, dass sei ein
vierbeiniger, sprechender Kochtopf?“
„So was
in der Art.“
„Hören
Sie“, sagt der Hund zum Zöllner, „mir tut der
Hintern weh, ich brauche kalte Umschläge und
außerdem habe ich noch nicht gefrühstückt.“
Das
wird kompliziert. Ich ahne es. Der Zollbeamte
lässt uns alleine in der Sonne stehen und geht
zu einem kleinen Bürocontainer. Es dauert eine
Viertelstunde, ehe er mit einem Kollegen wieder
herauskommt. Inzwischen hat der Hund einmal an
den Container gepinkelt und sich danach wieder
ins Auto verzogen.
Der
zweite Zollbeamte macht auch keinen
intelligenteren Eindruck als der erste. „Wo ist
das Tier?“, will er wissen. Der Hund kommt aus
dem Auto gekrochen und macht Männchen. „Der
sieht doch ganz manierlich aus.“ Fragend sieht
er seinen Kollegen an und wendet sich dann an
den Hund. „Sag mal was.“
Mein
Hund –
inzwischen betrachte ich ihn als meinen -, lässt
sich vor dem zweiten Zollbeamten nieder, legt
den Kopf auf die Pfoten und schweigt. „Nun sag
schon was“, fordert ihn der erste Beamte auf.
„Eben hast du doch auch das Maul aufgekriegt.“
Der Hund schweigt weiter. Mein Magen knurrt. Ich
sehe mich schon den ganzen restlichen Tag hier
an der Grenze verbringen. Da hat der zweite
Zollbeamte einen Einfall. Er geht zurück zum
Container und kommt kurz darauf mit einem
riesigen Schäferhund wieder heraus. Mein Hund
verkrümelt sich auf der Stelle ins Auto und
fängt erbärmlich an zu jaulen.
„Da
haben wir den Salat“, sagt der erste Zöllner.
„Empfindlich ist er, spricht nur, wenn er mag,
und geimpft ist er auch nicht.“
„Bin
ich wohl“, knurrt meiner aus dem Auto heraus.
Der Schäferhund rast tobsüchtig um den Wagen
herum und bellt sich die Lunge aus dem Leib. Zum
Glück habe ich die Türen geschlossen.
„Sie
führen nicht zufällig Drogen mit sich?“, fragt
der erste Beamte jetzt. „Das ist nämlich ein
Drogenhund, und wenn der bellt, dann bedeutet
das …“ Er sieht mich böse grinsend an. „Leute
wie Sie …“
Und
dann beginnt eine Prozedur, die ich schon
mehrmals mitgemacht habe. Ein ganzes Kommando
schraubt an meinem Wagen herum, nimmt da eine
Radkappe ab, löst dort die Türverkleidung und
wühlt in der dreckigen Wäsche. Als sie nach drei
Stunden alles zerlegt haben, ohne etwas
Besonderes zu finden, darf ich die Einzelteile
wieder zusammensetzen. Es ist später Nachmittag,
mein Magen glaubt an einen Hungerstreik und
rebelliert energisch. Da bemerke ich plötzlich,
dass der Hund weg ist. Die Zollbeamten überlegen
kurz, ob sie den Wagen nochmals auseinander
nehmen sollen, entscheiden sich dann aber
angesichts des nahenden Feierabends dagegen.
Auch der riesige Schäferhund scheint das
Interesse verloren zu haben. Er läuft auf den
Grünstreifen und kackt ausgiebig. Die Beamten
wünschen mir „gute Fahrt und nichts für ungut.“
Ein
Kilometer hinter der Grenze steht mein Hund und
hält die Pfote hoch. Ich halte an und er steigt
ein. „Fahr los und bring mich zum Tierarzt“,
knurrt er.
„Wieso?
Ich dachte, du bist geimpft?“
Ich
frage nicht nach, will gar nicht wissen, wer das
war. Mein Hund sagt auch nichts. Er sagt seitdem
überhaupt nichts mehr. Nur wenn wir an eine
Grenze kommen, wird er ziemlich nervös. Dabei
ist er inzwischen geimpft.
Helmut
Schmid arbeitet als Filmbeschreiber für Arte, BR
und ORF.
Ferner
als Seminarleiter für Creative Writing (www.textland.de)
Veröffentlichungen in diversen
Literaturzeitschriften und Radiosendungen.
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