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Platz 5 des Putlitzer Preises
2009 Astrid Theuer: OneRoom-Chatting
Ich bin abseitig, mein ganzes Leben schon.
Besser gesagt, seit meinem Auszug von Mutti vor
einigen Monaten.
Sie suche einen festen Partner und der fände es
bestimmt nicht toll, wenn ich noch bei ihr
wohnen würde. Außerdem tratschten die Nachbarn
bereits und das Wort „Ödipuskomplex“ war dabei
mehr als einmal gefallen.
Tja, vielleicht war mein Job daran schuld.
Buchhalter klingt ja nicht wirklich interessant,
obwohl ich für einen Erotikversand arbeite.
Vielleicht war es auch Mutti mit ihren
schrulligen Ansichten von der Welt, die sie mir
in wohldosierten Erziehungsstunden
eingetrichtert hat.
Auf Ü30-Partys kam ich mir trotz meines
passenden Alters fehl am Platze vor und die
Vorstellung, als unbedarfter Junggeselle in
einem Altenheim zu enden, jagte mir panische
Angst ein. Nur deshalb war ich bereit, das
Ungewöhnliche auszuprobieren.
OneRoom-Chatting
klang nicht nur verheißungsvoll, sondern wurde
vollmundig angepriesen als angesagteste Art der
anonymen Partnersuche. Zwanzig Männer, zwanzig
Frauen und jeweils neun Minuten Zeit, bevor
gewechselt wurde. Der Clou: Alle Chatter waren
live im gleichen Raum anwesend, lediglich durch
Trennwände voneinander abgeschirmt. Die
Bewertung erfolgte mittels Dating-Card
und bei Übereinstimmung gewann man ein
gemeinsames Treffen: eine Woche in der
Präsidentensuite eines Nobelhotels in der Stadt
der Liebe.
Drei Stunden meines Lebens also für die Suche
nach der Traumfrau, ohne in teure Restaurants
oder Kinos investieren zu müssen, das klang zu
verlockend.
Das System würde die passende Partnerin für mich
ermitteln. So einfach war das!
Im Zeitalter von Cybersex gehörte die
traditionelle Balz sowieso zur aussterbenden
Sorte. In der nackten Realität waren die
Äußerlichkeiten entscheidend und ich als BauchBrilleBart-Träger
hatte dabei die denkbar schlechtesten
Voraussetzungen. Schließlich taugt die beste
Akustik nichts, wenn die Optik ästhetisch nicht
dazu passt. Da waren mir die Flirtlines lieber,
die virtuellen Swingerklubs und Chatrooms, alle
vereint im erotischen Gemeinschaftskuscheln, die
Identitäten versteckt hinter fantasievollen
Avataren. Eine bunte Maskerade, geeignet, die
seelischen Hüllen fallen zu lassen und durch
triefende Wortklauberei den eigenen Wert zu
puschen. Ein Foto à la Clooney hochgeladen,
schon lagen mir die Kätzchen zu Füßen und
schnurrten unter meinen lyrischen
Streicheleinheiten.
Wie es wohl wäre im wirklichen Leben zu chatten,
vom potentiellen Herzblatt lediglich getrennt
durch eine Wand? Trainiert war ich bestens,
beherrschte das Tippen mit zehn Fingern genauso
wie die Prosa und die Versform. Ich war nicht
Brad Pitt, erwartete aber auch keine Angelina
Jolie. Der Intellekt war entscheidend, das
Aussehen nebensächlich.
Die anderen Männer waren bereits da, ignorierten
sich gegenseitig, genauso wie sie mich als
Mitbewerber übersahen. Ganz anders die Frauen
auf der nicht einsehbaren Seite des Warteraumes.
Ein wildes Geschnatter, als kämpften sie schon
um die beste Partie.
Wir bekamen die Startnummern. Aufgeregt starrte
ich in die Arena, die bis zur Decke durch
Zwischenwände aufgeteilt war.
Das schrille Startsignal riss mich aus meinen
Gedanken. Wir Jäger stürzten uns auf die
zugewiesenen Plätze und ich rückte meine Brille
zurecht.
„Hallo,
hier Anke36“,
schlug ICQ an.
Emsig haute ich auf die Tasten, stellte mich
vor, säuselte Liebe, ungereimt, schwärmte von
Ritterlichkeit, aber schien nicht zu landen,
denn der Bildschirm blieb schwarz.
„Wechsel“ krächzte eine Stimme aus dem Off.
Null Punkte kritzelte ich auf das erste Dating-Blatt.
„Wer
bist Du?“
begehrte eine
FrauMitZukunft
zu wissen.
Darauf wollte ich mit einem Reim eingehen, in
Metaphern, um Genius zu beweisen, denn hinter
FrauMitZukunft
vermutete ich mehr als einen trivialen Geist.
„Normal
bin ich, auch mit hohem Verstand.
Hab mich als Single im Leben verrannt.
Nun suche ich die Frau für das Leben.
Sag an, willst du mir Zukunft geben?“
Mit klopfendem Herzen starrte ich auf den
Monitor. Es dauerte einige Zeit, doch dann ...
„Prolo
bin ich, aus Arbeiterklasse
unterscheid´ mich trotzdem aus der Masse
durch Stil, Etikette und frohem Sinn,
weil ich ledig und auch vermögend bin.“
Ich war beeindruckt. Die Metrik stimmte,
zumindest in der Kürze der Zeit.
Kunstfertigkeit, die tatsächlich Tiefsinn
verriet.
Hastig blickte ich auf die Uhr. Es blieb noch
Zeit, um herauszufordern:
„Ich
studiere Gehälter von Reichen
im Versuch, die Bilanzen zu weichen
bemühe mich um Kürzung der Steuer
against Finanzamt, dem Ungeheuer.“
Das saß. Wieder harrte ich auf ihre Antwort.
„Auch
ich schwindle gern bei Lohnangaben,
Finanzamt kann sich bei mir nicht laben.
Doch die Liebe vermisste ich bisher.
Bist Du meine Zukunft, geliebter Herr?“
Aus!
Ich vergab die volle Punktzahl und wähnte mich
bereits am Ziel. Allein der Nick:
FrauMitZukunft.
FrechesLuder25
war die Nächste.
„Knut,
190 cm groß, 100kg, arbeite im Sexshop und suche
den Kick“,
schrieb ich.
Das Luder schien beeindruckt. Mit Mängeln in der
Orthografie outete sie sich als
Nimpfomanin
und bot mir eine obergeile Woche an. Doch sie
verriet sich in der Gewichtsangabe und auf
XXL-Sex mit Frau Rubens hatte ich eigentlich
keinen Bock. Vorsichtshalber vermerkte ich sechs
Punkte. Man konnte ja nie wissen.
Luna
grüßte mit Sternchen.
Dem Dialog nach klang sie nach einem
Hauptgewinn, wenn nicht
FrauMitZukunft
gewesen wäre.
Luna
gab sich als Buchhalterin und Leseratte zu
erkennen.
Eine Graue in bunter Menge auf der Suche nach
ihrem Pendant. Sie war die Hermeline und ich
Hesses Steppenwolf.
Ingesamt neun Punkte gestand ich ihr zu.
Trotzdem erhoffte, erträumte ich den Sieg mit
der Frau, die eine Zukunft versprach.
Die übrigen Damen waren illustrer Zeitvertreib,
durch meine Punkte außerhalb der Wertung.
Endlich läutete der Schlussgong.
Minuten der Qual folgten. Ich rauchte Kette,
gierte das Ergebnis herbei wie ein Süchtiger den
nächsten Schuss. Schließlich hatte das Warten
ein Ende.
Fanfaren kündigten das Finale an. Ich erstarrte,
ein Gladiator, der auf das Daumenzeichen
wartete. Ein dünnes Stimmchen brachte über
Lautsprecher das Ergebnis.
Sieg! Für mich und die
FrauMitZukunft.
Ich konnte es kaum fassen. Der Reigen
klatschender Hände schloss mich im Halbkreis
ein. Langsam schob sich die Trennwand zur Seite.
Ich schwitzte, mein Puls raste. Gleich würde ich
ihr von Angesicht zu Angesicht gegenüber stehen.
Im Beifall gafften wir uns entgeistert an.
„Du?“, keuchte sie schwer.
Ich sackte zusammen: „Hi Mutti.“
Astrid Theuer, geboren 1970 in Regensburg,
verheiratet, drei Kinder, ist als freie Autorin
tätig und arbeitet gegenwärtig an verschiedenen
Buchprojekten. Sie veröffentlichte ihre
Geschichten bisher bei Lübbe, Bastei und in
verschiedenen Kleinverlagen.
Weitere Infos über ihre Arbeit sind auf
home.arcor.de/timeout4u/ zu finden.
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