Verein zur Förderung der Literatur e.V.

Platz 6 des Putlitzer Preises 2009 

Dorothea Buck: Mittag

 Alle Pendel halten ein. August.

 ... Los denn, Brause, rausch mir durch die grauen Haare

 

 Joseph Brodsky, Römische Elegien II

 

Die Konturen der Häuser auf der gegenüberliegenden Seite tanzen im Hitzenebel. Ich warte am Rand des großen Platzes auf die Straßenbahn. Ein schmales Reklameschild hinter der Bank an der Haltestelle wirft einen winzigen Flecken Schatten ab. Ich setze mich und wünsche mir inständig, dass die Bahn bald kommen möge. Ich bin erschöpft.

Die Besichtigung der berühmten Kapelle war kein so erhabenes Erlebnis, wie ich es mir immer vorgestellt hatte. Die vielen Besucher, die ungeduldigen Aufseher, machen Sie schnell, seien Sie still, setzen Sie sich nicht hin, fotografieren Sie nicht ... Aber ich habe trotzdem fotografiert. Adam ist schön, athletisch schön, doch wo ist Eva? In dieser Hitze kann ich darüber nicht nachdenken.

Zu meinen Füßen gleißen die Straßenbahnschienen. Eine silberhäutige Schlange, die sich durch das weiße Pflaster windet. Leer liegt der Platz vor mir, wie eine große, helle Bühne, nur ein kleiner Brunnen in der Mitte, aus dem stetig Wasser plätschert.

Neben mir steht nun ein alter Priester, reglos wie ein Reptil in der Sonne, zwei andere kommen dazu. Sie sprechen miteinander, der eine ist ungeduldig, mehrmals schaut er auf seine Armbanduhr. Dann gehen sie zusammen fort, alle drei in der schwarzen Soutane, auf dem Kopf den breitkrempigen, schwarzen, runden Hut.

Am Brunnen lässt ein älterer Mann das Wasser in eine Plastiktüte laufen, die er mit beiden Händen unter das Rohr im Betonsockel hält. Ein anderer, jüngerer Mann schaut ihm zu. Als der ältere plötzlich eine große, gelbe Flasche aus der Plastiktüte zieht, bin ich überrascht. Triumphierend hält er die Flasche in die Höhe und lacht. Der jüngere Mann lacht auch, spricht mit dem älteren, bis dieser die Flasche wieder in die wassergefüllte Plastiktüte steckt und fortgeht. Doch an der nächsten Straßenecke schüttet er das Wasser plötzlich aus, ich bin enttäuscht.

Der jüngere Mann bleibt am Brunnen zurück. Ab und zu schaut er zur Haltestelle herüber, ab und zu beugt er sich unter das Brunnenrohr, neigt seinen Kopf zur Seite und fängt das Wasser mit dem Mund auf. Dann steht er wieder da, eine dunkle Statue in schwarzem T-Shirt und schwarzen Jeans. Ich beginne, mir Gedanken über ihn zu machen. Heroisch scheint er mir der Hitze zu trotzen.

An der Haltestelle haben sich inzwischen weitere Menschen eingefunden, aber die Straßenbahn kommt und kommt nicht. Das Warten wird uns allen zur Qual. Dann fährt auf den Schienen ein Bus vor. Ich bin verwundert. Der Fahrer hält, springt heraus, geht ein paar Mal mit einem Eimer hinüber zum Brunnen und schüttet das Wasser unter die Motorhaube. Die mit mir Wartenden beginnen, sich zu regen und palavern nun lautstark. Ich versuche, sie zu verstehen und glaube, dass ich mit diesem Bus fahren kann. Anstelle der Straßenbahn, obschon mich die Situation sehr verwirrt. Ein Bus auf Straßenbahnschienen? Aber ich bin zu schlapp um nachzudenken und steige ein.

Nur hin und wieder erkenne ich mir bekannte Straßenzüge, Haltestellen oder Plätze. Dann hält der Bus wieder, alle müssen aussteigen. Ich weiß nicht, wo ich bin.

Der Schwarzgekleidete vom Brunnen steht plötzlich neben mir. Wohin ich denn wolle, spricht er mich auf Englisch an. Eine Straßenbahn kommt um die Kurve gefahren. Die könne ich nehmen, sagt er.

Ich steige ein. Er steigt ein. Wir sitzen uns gegenüber. Ich trage eine Sonnenbrille und mustere ihn. Er schielt ein wenig, aber seine dunklen Augen gefallen mir. Unsere Blicke begegnen sich. Ich nehme meine Sonnenbrille ab. Er lächelt mich an. Ich lächele ein wenig zurück. Die Straßenbahn ist klimatisiert, ich beginne mich zu entspannen. Neben ihm sitzen zwei alte Damen, aufgeregt, in ihrer Ratlosigkeit wenden sie sich an ihn. Geduldig antwortet er ihnen. Er scheint sich auszukennen und sie beruhigen zu können. Die Damen bedanken sich erleichtert. Ich setze meine Sonnenbrille wieder auf, dennoch schaut er unentwegt zu mir herüber. Wieder muss er Rat geben. Solche Fahrplanänderungen kämen öfter vor in dieser Stadt, sagt er zu dem Ehepaar, das im Gang steht, dann auch zu mir herüber, nun wieder auf Englisch. Diese Fahrt sei wirklich sehr verwirrend, antworte ich ihm. Ja, aber selbst für ihn als Römer sei sie verwirrend, bestätigt er. Ich lächle ihn wieder an, dann sehe ich, dass ich gleich aussteigen muss. Ganz sicher bin ich mir, endlich habe ich die Gegend, in der wir nun sind, wiedererkannt.

Ich stehe auf. Da steht auch er auf. Ich erschrecke. Die Straßenbahn hält. Ich steige aus. Ich entdecke ihn auf der Spitze der ovalen Verkehrsinsel, an der zwei Straßenbahnen gleichzeitig halten. Wie ein Kapitän auf der Brücke steht er dort vorn. Er blickt zu mir herüber, über die Köpfe der Leute hinweg. „Alle Pendel halten ein“, für einen Moment bleibt auch die Sonne stehen.

Die Bahn fährt los. Ich muss warten, bis ich die vielbefahrene Straße überqueren kann. Ich sehe ihn nicht mehr. Nirgends mehr ist er zu sehen. Um mich herum braust die Stadt. Ich brauche einen Kaffee. Ich zähle mein Geld.

* * *

Buck

Dorothea Buck, geboren 1953 in Wiedelah (Kreis Vienenburg, Harz), Studium der Germanistik, Romanistik, Kunstgeschichte in Göttingen.

Lebt und arbeitet in Velbert (NRW). 

 

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